Liebe Freunde,
seit 1991 wohnen meine Frau Kayoko und ich in der letzten gemeinsamen Wohnung von Clara und Robert Schumann in der Düsseldorfer Carlstadt.
Für diese Ehre danken wir der Landeshauptstadt von Herzen, denn sie ist zugleich ein Ansporn, das was war mit unseren Kräften neu zu gestalten und für die Zukunft zu nutzen.
Wir haben uns deshalb entschlossen, das Wiecksche Tafelklavier, ein vom Cousin Clara Schumanns, Wilhelm Wieck (1828-1874), in Dresden erbautes Instrument, dem Breidenbacher Hof zur Verfügung zu stellen. Hiermit möchten wir vor folgendem Hintergrund einen Beitrag zur kulturellen Vielfalt in Düsseldorf leisten.
Als Clara und Robert Schumann im September 1850 in Düsseldorf eintrafen, wurden sie begeistert empfangen und logierten die ersten Tage im Breidenbacher Hof. Immer wieder sind sie in der Folgezeit mit Freuden dorthin gekommen. Später, als sie im September 1852 in das zweistöckige Haus in der Bilker Str. 15 umsiedelten, war es ihnen erstmals möglich, getrennt von einander zu musizieren, ohne sich gegenseitig zu stören. Robert schenkte Clara deshalb ein eigenes Instrument des Düsseldorfer Klavierbauers Johann Bernhard Klems.
Als mir Anfang der 90er Jahre aus privatem Besitz das Tafelklavier von Wilhelm Wieck angeboten wurde, war die Versuchung groß, meine Frau Kayoko in der Schumannschen Wohnung mit einer ähnlichen Freude zu überraschen, wie sie Robert seiner Clara 1853 bereitete.
Lange stand das Klavier dann in unserem Wohnzimmer. Als wir im Jahr 2008 hörten, dass der Breidenbacher Hof beabsichtigt, einen Kultursalon ins Leben zu rufen, um mit Lesungen und Konzerten u.a. das Schaffen Heines und Schumanns zu pflegen, haben wir uns entschlossen, das vom bedeutenden Klavierbaumeister Jan Großbach in Frankfurt wunderbar restaurierte Instrument der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es lässt uns nun alle einen Blick zurück in das 19. Jahrhundert werfen und uns erleben, wie die Musik zu einer Zeit geklungen hat, als man sich noch um Tafelklaviere versammelte, hierbei Lieder sang und Hausmusik machte.
Das Wiecksche Tafelklavier macht uns aber auch noch aus einem anderen Grunde neugierig:
Es verfügt über ein höchst ungewöhnliches Diskantpedal, das überraschende Effekte ermöglicht, und hiermit in besonderer Weise von romantischer
Aufführungspraxis Zeugnis gibt. Im Gegensatz zur barocken ist die romantische Aufführungspraxis bisher wesentlich unbekannter.
Ein ähnliches Pedal gibt es bei modernen Flügeln nicht.
Mit meinem Freund Ratko Delorko studierte ich an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf. Er besitzt eine große Sammlung alter Instrumente und gibt Konzerte, bei denen er über 20 seiner historischen Flügel, Klaviere und Tafelklaviere im Verlaufe eines Abends erläutert und spielt. Wir sind ihm deshalb sehr dankbar, dass er, der mit den Finessen eines solch außergewöhnlichen Instrumentes besonders vertraut ist, das restaurierte Wiecksche Tafelklavier einweiht.
Und wir danken dem Breidenbacher Hof, dass er sich eines solchen kulturellen Erbes annimmt, es neu zum Leben erweckt und die von Wieck aufgezogenen Saiten in Zukunft bei vielen Anlässen in seinem Salon erklingen werden.
| Thomas Beckmann | Cyrus Heydarian Direktor, Breidenbacher Hof |
Fotos der Restauration durch Herrn Jan Großbach
Fotos der Anlieferung
Lieber Herr Thomas Beckmann!
Das erste Wort ist der Dank für die Einladung, die mich sehr ehrt, der ich aber aus privaten Gründen leider nicht folgen kann. Das zweite Wort ist eine Betrachtung, die sich an den Gegenstand knüpft und die ich gern formuliere – sie mündet in den Glückwunsch und in die Hoffnung, dass der Unternehmung der Erfolg zuteil werden möge:
Es ist nur scheinbar ein Zufall, dass sich drei gleichartige Ereignisse auch zeitgleich ereignen – ganz sicher waltet dahinter eine Gesetzlichkeit, mindestens besteht ein Sinnzusammenhang zwischen ihnen, den es aufzudecken lohnt.
Ich spreche für das Schumann–Haus in Leipzig, jenes wunderbare klassizistische erste Wohnhaus des jungen Ehepaares Robert und Clara Schumann,in der Leipziger Inselstraße, das seit 2001 eine Gedenkstätte besitzt, die von einem Verein lebensvoll geführt wird. Herr Thomas Beckmann ist von Anfang an Ehrenmitglied des Vereins (er bewohnt das letzte der Wohnhäuser der Schumanns). Dort in Leipzig steht als Schmuckstück der kleinen Sammlung ein Flügel mit den Insignien Wilhelm Wiecks. Das ist ein Instrument, das hinsichtlich der technischen Bauart eine Verbesserung der englischen Mechanik darstellt, voluminös im Klang, leicht in der Spielweise, stabil in der Stimmung und frei von der Dürre und Schmalheit, den die frühen Hammerflügel besitzen. Er ist fähig, jenen Klangstrom dem Pianisten anzubieten, der Schumanns Werk versteht und der Klarheit mit Rundung verbinden will. (Schumanns hatten an der gleichen Stelle des Hauses jenen Graf–Flügel stehen, der sich heute in der Sammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien befindet). Gebaut in der Werkstatt des Cousins der Clara, Wilhelm Wieck, in dessen Werkstatt in der nach dem Intendanten der Dresdener Hofoper Lüttichau benannten Straße. Wir sind dabei, das Letzte aus diesem Instrument – das durchaus bereits spielbar ist – herauszufordern, durch eine für dieses Jahr geplante Restaurierung.
Am 11.01. diesen Jahres hatte ich das Vergnügen, an der Einweihung eines für die Sammlung des Zwickauer Schumann–Hauses angekauften Flügels teilzunehmen: Dr. Synofzik, der Direktor, stellte einen baugleichen Flügel Wilhelm Wiecks vor, der sich nun dem Debutflügel Clara Wiecks (sie hatte ihn 1828 im Leipziger Gewandhaus gespielt), dem Stein–Flügel, zugesellt. Interessante Klangvergleiche werden hier vor Ort nun möglich, der Claras Wandel und Fortschritt im Interpretationsstil entspricht. Keine Tonbandaufnahme vermöchte das Erlebnis der rasanten Entwicklung im Klavierbau sozusagen beweisbar, mit Ohr und Auge und vielleicht Hand, wiederzugeben. Claras Opus 1 ist dem Stein–Flügel gemäß, nicht mehr ihre Variationen op. 20.
Am 12.01. – also zwei Tage später – erfuhr ich von Herrn Thomas Beckmann in einem langen Telefongespräch von diesem heute stattfindenden Ereignis: wiederum ein Wilhelm Wieck steht der Öffentlichkeit zur Verfügung, reiht sich ein in die in Düsseldorf lebende Musikszene um den späten Schumann, erblickt sozusagen ein zweites Mal das Licht der Welt – oder mischt sich in die Klänge der Gegenwart. Präzisiert sozusagen das Musikerlebnis, das mit Schumann – oder auch mit jener Zeit nach der Jahrhundertmitte – verbunden ist. Eine Besonderheit, die dieses Instrument zur Seltenheit von großem Wert macht: es handelt sich um ein Tafelklavier, ein Instrument, das sich nur im intimen Rahmen entfalten kann. Und – so weit ich es aus der Ferne erahne – das bietet sich im Ambiente des Breidenbaches Hofes ja wohl an.
Drei Ereignisse, die unverkennbar Gemeinsames besitzen. Sie helfen, die Gegenwart durchsichtig (durchhörbar) zu machen. In der Gegenwart eines live–Konzertes lebt Tradition nicht nur auf, sondern sie ragt hinein in die Gegenwart. Wiederum dreifach: durch die Musik Schumanns, die uns als lebende Sprache berührt; in Gestalt einer Lokalität, die mit der Annäherung Schumanns in Düsseldorf unmittelbar zu tun hat; und als ein Klang, der Ferne und Vergangenheit verklärt und doch den heutigen Menschen – nämlich zuerst Sie als erste Hörer – direkt betrifft. Man wäre gern dabei...
Ich wünsche dem Unternehmen eine sich fortschreibende Zukunft!
Hans Joachim Köhler