Aktionen gegen die Gleichgültigkeit

Der Cellist Thomas Beckmann startet eine bundesweite Hilfsaktion für Obdachlose

Gemeinsam gegen Kälte

"Wir denken zu viel und fühlen zu wenig", sagt der bekannte Düsseldorfer Musiker. Gegen die soziale wie die winterliche Kälte setzen er und Hunderte freiwillige Helfer in Deutschlands Großstädten jetzt eine durchdachte Kampagne. Von Olaf Cless

Obdachlose, die inmitten unserer Städte erfrieren. Passanten, die an der unüberseh-baren Not vorbeihasten. Ein Bewusstloser in seinem Blut, und keiner ruft den Arzt: "Ist ja nur ein Penner!" Eine Million Deutsche ohne Dach überm Kopf. Darunter psy-chisch Kranke, allein gelassen mit ihren Ängsten. Ein Heer von Arbeitslosen, das weiter wächst wie gleichzeitig die krampfhafte "Rette-sich-wer kann" - Mentalität. Solche Beobachtungen und Erfahrungen haben Thomas Beckmann keine Ruhe gelassen. Schon vor drei Jahren startete der bekannte Musiker in Düsseldorf eine Hilfsaktion, verteilte warme Schlafsäcke und Isomatten an Bedürftige. Über 40000 Euro kamen zusammen.

Jetzt wagt Beckmann die erste bundesweite Hilfsaktion für Obdachlose. Auf über 50000 Großflächenplakaten appelliert er ab Anfang Dezember an das soziale Gewis-sen. In rund 25 großen Städten, von Aachen bis Leipzig, von München bis Hamburg, treten Projektgruppen in Aktion und sammeln Spenden für jeweils ganz konkrete, wohl überlegte Projekte. Ab Ende Januar dann geht der Künstler auf Tournee und gibt überall Wohltätigkeits-"Konzerte gegen Kälte". Auf dem Programm stehen drei Solo-Cellosuiten von Johann Sebastian Bach.

In den letzten Monaten musste das Üben erst einmal zurückstehen. Der 38-jährige Meistercellist hat praktisch seine gesamte Zeit und Energie - wie auch seine Bar-schaft - in die planmäßige Vorbereitung der Kampagne gesteckt. Er reiste durch die Lande, besuchte Obdachlosenheime, Wärmestuben und Notquartiere, knüpfte Kon-takte mit Caritas, Diakonie und städtischen Ämtern, trommelte örtliche Projekt-gruppen zusammen (mittlerweile über 400 Helferinnen und Helfer), gründete den mildtätigen "Gemeinsam gegen Kälte Verein", gewann als Schirmherrn den Bundes-präsidenten Roman Herzog, als erstes Beiratsmitglied dessen Amtsvorgänger Richard von Weizsäcker. Beckmann verschickte gut tausend Briefe und trieb seine Telefonrechnung gründlich in die Miesen. Als Sponsoren gewann er u. a. Außen-werbungsfirmen, Agenturen und Druckereien. Allein die Plakataktion - für die 50 Ton-nen Papier bedruckt wurden - hätte bei reellen Preisen rund 8 Millionen Euro gekostet.

Bei allem Kampagnenfieber: Thomas Beckmann strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus. Es scheint dieselbe Ruhe zu sein, aus der, wie einmal ein Konzertkritiker bemerkte, die Überzeugungskraft seines Cellospiels kommt. Immer wieder lenkt der Düsseldorfer das Gespräch auf den Kern seines Anliegens zurück: dass die Obdachlosen unbürokratische Hilfe brauchen. Dass die Gesellschaft nicht weggucken darf. Dass Solidarität geübt werden muss, wenn wir nicht endgültig in die Verrohung abgleiten wollen.

In Paris, erzählt Beckmann, hat er erschreckende Zustände beobachtet. Da schlürften auf den Champs-Elysees die Gourmets ihre Austern, und gleich nebenan waren Menschen dem Krepieren nahe. "Da habe ich mir gesagt: Zu diesen Verhältnissen soll es bei uns nicht kommen." Beckmann weiß, dass wir in Deutschland noch immer "eines der bestfunktionierenden sozialen Netze weltweit" haben. Aber er kennt aus eigener Anschauung auch dessen Mängel und Lücken: "Heime, in die man nicht mit der Zange reinmöchte", starre Erfassungs- und sonstige Gesetzesvorschriften, denen sich Betroffene lieber entziehen, Psychiatrien, die hilflose Menschen auf die Straße entlassen, usw.

Über das verbreitete Gerede von den "Pennern", die ja "selber schuld" seien, kann Thomas Beckmann nur den Kopf schütteln. Natürlich sieht auch er, dass die Zahl der Alkoholisierten wächst. Das ist für ihn aber erst recht Anlass zu fragen: Warum geraten die Leute in diese Lage? "Selbst wenn sie vom Alkohol runter wären", betont Beckmann, "würden sie ja trotzdem keine Arbeit kriegen, bei vier Millionen Arbeitslosen." Hinter der heftigen Ablehnung, die den Gestrauchelten entgegenschlägt, steckt für Beckmann die Angst vieler "Normalbürger", selbst abzugleiten und so zu enden. [...]

Es müsse dringend ein "Ruck durch die Gesellschaft" gehen, schrieb der engagierte Musiker Beckmann an den Bundespräsidenten, als er ihm im Herbst die Schirmherrschaft über sein Hilfsprojekt antrug. "Zu erwarten, dass die praktische Politik diese tief greifende Sinnkrise alleine meistern könne, hieße, sie zu überfordern", fuhr Beckmann in dem Schreiben fort. "Es ist notwendig, mit allen Kräften darauf hinzuwirken, dass eine immer ängstlicher werdende Öffentlichkeit sich auf die immensen Kräfte besinnt, die ein solidarisches Kollektiv freisetzen könnte. Hierzu möchte GEMEINSAM GEGEN KÄLTE mit seinen Aktionen einen Mosaikstein hinzufügen."